Die Macht der Meinung?
Aufgaben der Tagespresse


(Februar 2001) Am 20. Februar 2001 hatte die Peiner Martin-Luther-Kirchengemeinde zu einem Gemeindetreff mit dem Thema "Die Macht der Meinung? - Aufgaben der Tagespresse vor Ort" eingeladen. Jürgen Dieckhoff, langjähriger Redakteur der Peiner Allgemeinen Zeitung, hielt ein hörenswertes Referat, das wir hier im Wortlaut veröffentlichen:

PAZ-Redakteur Jürgen Dieckhoff und Pastorin Ingrid Sobottka-Wermke "Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen." Dieser Satz, der Kaiser Lothar I., zugeschrieben wird, gilt auch, wenn wir das Wort Zeiten durch das Wort Zeitungen ersetzen: Die Zeitungen ändern sich und wir mit ihnen. Vor zwei Generationen oder einer, und noch deutlicher zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren die soziologischen Gegebenheiten andere als heute. Kaum vergleichbar. Es gab Tabu-Themen. Die gibt es heute nicht mehr. Dass es sie nicht mehr gibt, bedauere ich, kann es aber nicht verhindern. Dass es sie nicht mehr gibt, liegt jedoch nicht an der angeblich sensationslüsternen Presse, sondern an den Konsumenten dieser Presse, an den Lesern.

Leser lesen gedruckte Nachrichten mit kurzem Verfallsdatum, also Zeitungsartikel, weil sie sie lesen wollen. Es ist wie bei den Bäckern: Sind Mehrkornbrötchen gewünscht, werden Mehrkornbrötchen gebacken. Und wer nicht mitbackt, hat verloren. Sie merken, meine Damen und Herren, dass es mit der Macht der Medien so weit nicht her ist. Aber ich habe es mir bisher zu leicht gemacht. Selbstverständlich sind wir hier vor Ort eine Lokalzeitung, und wir können Tag für Tag entscheiden, was in der nächsten Ausgabe steht, wie es steht, wo es steht und in welchem Umfang es steht. Diese Fragen werden nach ethischen und zugegeben auch leserorientierten Kriterien beantwortet.

Nun haben wir Lokalredakteure nicht immer Zeit genug, die Antworten in Ruhe zu finden. Unser Tun steht unter Zeitdruck, und deshalb sind wir immer wieder empört, wenn einer Kirchengemeinde am Freitag einfällt, was am Sonnabend in der PAZ stehen sollte. Ausgerechnet Freitag, wenn wir Großkampftag haben.

Gibt es die Macht der Meinung?

Zum Thema zurück: Gibt es die Macht der Meinung? Ich meine, die Presse hat keine Macht, sie hat höchstens Einfluss. Wer eine andere Auffassung vertritt, hält die Leserschaft für manipulierbar. Und gerade das ist sie meines Erachtens nicht. Leser sind mündige Wesen, die extrem ausgerichtete Blätter durchaus mit Abscheu zur Seite legen, wenn sie bestimmte Tendenzen darin erkennen.

Aufgaben der Tagespresse vor Ort? Nicht nur vor Ort, sondern generell sollten Zeitungsschreiber ehrlich und sachlich sein, also seriös berichten. Sie haben schließlich auch eine Chronistenpflicht, was heißen soll, dass sie keine Neuigkeiten unterschlagen dürfen. Das ist die eine Seite der Medaille: Chronistenpflicht. Und die hat mit Macht und Einfluss nichts zu tun. Wenn Politiker A seinem Konkurrenten B unwahre Dinge vorwirft, und wenn wir Journalisten das erkannt haben, dürfen wir Herrn A nicht zitieren, ohne die Meinung des Herrn B hinzuzufügen. Chronistenpflicht: Man soll in späteren Jahren die Zeitung als Quelle benutzen können, um die Wahrheit zu ergründen.

Hinzu kommt eine ethische, eine tolerante, eine im Grundsatz christliche Komponente. Wider seinen Nächsten soll der Mensch ja nicht falsch Zeugnis reden. Das bedeutet für mich und in meinem Beruf: Ich darf nicht über jemanden etwas schreiben, was nicht ausrecherchiert ist. Das Ausrecherchieren kostet Zeit, und die hat Unsereiner nicht. Die Meinungsnachfrage ist drängend, da muss dann eine Nachricht raus, und es steht der Zusatz im Bericht: "Für eine Stellungnahme war der Herr XYZ gestern nicht erreichbar."

Die Macht der Meinung? Häufig leide ich unter der Meinung der Macht, also der Mehrheit. Ich nenne ein Beispiel: Der Sänger - oder wie man ihn nennen soll - Ivan Rebroff trat auf, und ein Schreiberling kritisierte den Auftritt gekonnt süffisant. Die Leser, offenbar durchweg Rebroff-Fans, empörten sich. Über den Kritiker wurde einiges ausgeschüttet. Ob er für das entsprechende Blatt noch weiter schreiben darf, ist zweifelhaft.

Lassen Sie mich jetzt einen Gedanken zum Thema Kirche und Tagespresse äußern. Für Zeitungsleute gibt es zwei Möglichkeiten, Leser zum Lesen zu verleiten. Erstens das Normale zu berichten, zweitens das nicht Normale zu beschreiben. Beliebte Kurzformel: "Hund beißt Mann", das ist der uninteressante Normalfall. "Mann beißt Hund", das wäre das nicht Normale, also berichtenswerte. Seit einiger Zeit richtet sich das Interesse der Zeitungsleute zunehmend auch auf das Normale. Der Alltag wird zum Thema, wenn einer durch die Stadt geht. Der Leser freut sich, wenn er mit einem Wiedererkennungseffekt bedient wird: Genau so ist es, genau so ist mir das auch schon passiert.

Die Kirchen können nicht im Schmollwinkel wirken

Diese Entwicklung mag befriedigen. Sie reicht meines Erachtens aber nicht aus. Auch für die kirchlichen Interessen reicht sie nicht aus. Die kirchlichen Meinungs- und Machtträger (es gibt sie ja) müssen wissen, dass sie nicht im Schmollwinkel wirken können. Sie schimpfen gern über die Tagespresse und vergessen dabei, sich selbst und ihren soziologischen Stellenwert zu bedenken. Vielleicht siedeln sie ihre Meinungsmacht dabei zu hoch an.

Gerade meine Redaktion hat häufig das Gespräch mit Kirchenvertretern beider Konfessionen gesucht. Und gefunden. In der praktischen Erfahrung stellte sich meist heraus, dass seitens der Kirchen wenig Lernbereitschaft in die Praxis einging. Ich merke an, dass keine Zeitung so blöd sein wird, auf eine wie auch immer geartete Komponente der Zeit nicht einzugehen und erinnere an den Bäcker und die Brötchen.

Was mich ehrlich freut, ist, dass die Martin-Luther-Kirchengemeinde dem Geist ihres Namenspatrons entspricht und mir dieses Statement ermöglicht hat. Keine Zeitung kann heute an der Kirche vorbeigehen, zumal die Kirche in Bewegung ist und neue Möglichkeiten erprobt, ihren Stellenwert in der Gesellschaft zu festigen. Nun wird häufig argumentiert, dass Gottesdienste schlecht besucht werden. Daraus den Schluss zu ziehen, dass an Kirche kein öffentliches Interesse besteht, ist falsch. Wir schreiben, bitteschön, auch ellenlange Artikel über Ratssitzungen, und da sind im Durchschnitt vielleicht fünf Zuhörer anwesend. Mehr gehen vielleicht auch deshalb nicht hin, weil sie davon ausgehen können, über die Sitzung in der Zeitung nachlesen zu können. Besucherzahlen sind folglich in diesem Zusammenhang kein Argument. Ich versuche, das meinen Kolleginnen und Kollegen klar zu machen. Und ich richte mich nach dieser Erkenntnis auch im Bereich der Theater- und Konzertkritik. Diese Artikel müssen so geschrieben sein, dass sie auch für den interessant sind, der nicht im Theater oder Konzertsaal war. Und es wird auch jemand etwas über kirchliche Arbeit lesen wollen, der kein regelmäßiger Kirchgänger ist, wenn es denn interessant und gut geschrieben ist.

Die Zeitungen verändern sich und wir mit ihnen. Ich habe gerade im Auftrag der Jakobi-Gemeinde einen längeren Aufsatz über Philipp Spitta zu schreiben, den Dichter erbaulicher Verse und einstigen Peiner Superintendenten. Als Quelle diente mir unter anderem die Peiner Zeitung. Bemerkenswert war, was da alles nicht drinstand. Spitta hatte eine harte Auseinandersetzung mit den Peiner Freischießen-Aktivisten, die so weit ging, dass man ihm ein Fenster einschlug und einen Teufel auf die Kirchentür malte. Kein Wort davon in der Zeitung, und die ganze Stadt dürfte davon gesprochen haben. Trauten sich meine Kollegen von 1853 nicht, gab ihnen niemand offiziell Auskunft? Zu beobachten war auch eine ausgeprägte Scheu der Menschen davor, in der Zeitung genannt zu werden, und Leserbriefe gab es nur ganz selten.

Heute drängen die Menschen geradezu in die Zeitung. Wir bekommen den größten Ärger, wenn wir für langjährige Tätigkeit geehrte Feuerwehrleute nicht abbilden. Wer ein etwas außergewöhnliches Hobby betreibt, wünscht einen Artikel darüber. Die Scheu vor der Öffentlichkeit ist wie weggeblasen - und darüber freuen wir uns, denn dadurch wird die Zeitung farbiger und lebendiger. Seit Redakteure die meiste Zeit am Bildschirm hocken, sind sie auf Informationsträger angewiesen, und ich möchte Sie alle bitten, sich als solche zur Verfügung zu stellen. Sagen Sie uns, was Sie lesen möchten, und wir werden ernsthaft prüfen, ob wir es schreiben wollen. Die Entscheidung darüber müssen Sie jedoch uns überlassen, denn wir müssen auswählen, dürfen Themen nicht ohne Unterlass wiederholen und müssen Schwerpunkte setzen. Jeden Tag.

Objektiven Journalismus gibt es nicht

Wir müssen, wie gesagt, gewissenhaft berichten, also objektiven Journalismus betreiben. Geht das überhaupt? Nein. Schon die Auswahl der Themen erfolgt subjektiv. Aus einem uns eingereichten Sitzungsprotokoll wird jeder Redakteur einen unterschiedlichen Bericht herausfiltern, nicht immer zum Gefallen des Protokollführers. Der möchte vielleicht in den Vordergrund gerückt wissen, dass der Vorstand wiedergewählt wurde, und er möchte die Beitragserhöhung - wenn überhaupt - im Nebensatz abgetan wissen. Und die Schlagzeile heißt dann "Beiträge erhöht".

Subjektiv werden Schwerpunkte gesetzt, und über ein grausiges Verbrechen lässt sich nicht objektiv schreiben. Der Leser wird immer einen Grad von Betroffenheit des Schreibers herauslesen, und das soll er auch. Diese Subjektivität darf aber nicht an sachlich korrekter Darstellungsweise vorbeigehen. Und wenn der Schreiber seine persönliche Meinung schreibt, muss das deutlich erkennbar sein.

Alles soll in der Zeitung stehen: Chronistenpflicht. Aber sie hat ihre Grenzen. Sie hat moralische Grenzen. Wir dürfen beispielsweise keine religiösen Empfindungen verletzen. Wir halten Neuigkeiten aus dem Polizeibereich zurück, wenn ein Artikel die Ermittlungen erschweren würde. Wir dürfen natürlich nicht zu strafbaren Handlungen aufrufen und müssen Persönlichkeitsrechte schützen.

Das ist leicht gesagt und schwer getan, denn die Konkurrenz ist oft weniger zurückhaltend. Beispiel Gerichtsberichterstattung. Der Name des Beschuldigten wird nicht geschrieben, es sei denn, es handelt sich um eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Da kann unter Umständen die Informationspflicht höher eingeschätzt werden als die Persönlichkeitsrechte. Wenn also die Staatsanwaltschaft gegen einen Bürgermeister wegen des Verdachts der Bestechlichkeit ermittelt, würde man das schreiben dürfen, aber nicht müssen. In ähnlich gelagerten Fällen hat aber schon mal die Bildzeitung Ross und Reiter genannt, während wir uns vornehm zurückgehalten haben. Die Leser sagen dann, wir hätten geschlafen, also wären wir geneigt, den Namen dann doch gleich zu nennen.

Wir Redakteure wissen sehr wohl, dass wir es nicht allen Lesern recht machen können, aber wir versuchen es, und wir sprechen in der Redaktionskonferenz nach Möglichkeit über alle unsere Entscheidungen, um uns vor einsamen Fehlentscheidungen zu bewahren. Und doch gibt es Tag für Tag interne Blattkritik, und dann heißt es: Dies hätte ich ausführlicher gebracht, dies knapper, das überhaupt nicht. Wer interessiert sich schon dafür? Wir wissen es nicht, wir können es nur spüren, und wir müssen uns auch bewusst machen, dass sich nicht jeder Leser dafür interessiert, wer Schützenkönig in Oelerse geworden ist. Teilen wir's nicht mit, droht ganz Oelerse mit Abbestellungen, aber berichten wir zu üppig, ärgern sich die Leser in allen anderen Dörfern. Da tröstet uns die Tatsache, dass wir rund 60 000 Leser haben, die uns treu verbunden sind, die wir manchmal ärgern müssen aber andererseits auch mal erfreuen, informieren und denen wir helfen, sich in unserer Zeit und unserer Heimat zurechtzufinden.

Jürgen Dieckhoff

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