3000 Schüler demonstrierten lautstark für mehr Toleranz

(April 2001) Mit einem gellenden Pfeifkonzert haben rund 3000 Schüler aus dem Kreis Peine gestern nach rund zwei Stunden auf dem Marktplatz ihre Demonstration für mehr Toleranz und gegen Gewalt beendet. Mutige Gruppen hatten auf der Bühne ihre Meinung vorgetragen, der größte Teil der Versammlung genoss sichtlich die unterrichtsfreie Zeit.

3000 Peiner Schüler pfiffen auf die tägliche Gewalt.

Fotos (3): Christian Bierwagen

Transparente beherrschten das Geschehen auf dem Marktplatz: "Religion und Farbe spielen keine Rolle" oder „Fass meinen Kumpel nicht an" stand darauf zu lesen. Aber es ging nicht nur um die latente Ausländerfeindlichkeit in der Stadt, sondern um die tägliche Gewalt - ausgedrückt in Kränkungen, Beleidigungen, Ignoranz des anderen, das Bloßstellen einzelner Schüler durch Lehrer vor versammelter Klasse. "Gewalt ist auch, wenn mich Oma sonntags immer abküssen will", trug die Gruppe "Schritte gegen Tritte" vor. Ihrer Ansicht nach gibt es drei Möglichkeiten auf Gewalt zu reagieren: Selbst gewalttätig werden, sich passiv verhalten oder aber Nein zur Gewalt zu sagen, "wie es uns Jesus in der Bergpredigt vorlebte".

Auch die jüngsten Schüler waren begeistert bei der Sache. Die Konfliktlotsen aus Edemissen berichteten über ihre positiven Erfahrungen im schwierigen Geschäft des Schlichtens: "Wir können über alles sprechen", lautete ihre Botschaft. Auch Behinderte kennen die tägliche Gewalt, die ihnen häufig durch abfällige Bemerkungen entgegen gebracht wird. Die Integrative Teestube Edemissen, ein vor 20 Jahren eingerichteter Treffpunkt an der Eltzer Drift, hat sich im Bemühen umeinander bewährt. Gemeinsame Unternehmungen schaffen soziale Kompetenz und holen Behinderte aus ihrer unverschuldeten Isolation.

"Eine multikulturelle Gesellschaft gibt es schon länger als 100 Jahre", stellte Moderator Jürgen Grütter fest, der durchs Programm führte und die Aufgabe übernommen hatte, die Bühne für die Vortragenden frei zu halten. "Jeder, der hier lebt, ist durch unterschiedliche Kulturen geprägt, diese Kulturen haben sich aber schon immer vermischt", sagte er. "Kultur ist alles das was Spaß macht."

Noch nicht so viel Spaß an ihrer neuen Heimat hatte eine Gruppe von jungen Spätaussiedlern aus Russland und Polen. Trotz ihrer noch deutlichen Sprachdefizite trauten sie sich auf die Bühne und berichteten von ihren Erfahrungen. "Wir werden von Mitschülern abgelehnt, weil wir anders sprechen und andere Klamotten tragen", sagten sie. Außerdem können sie nicht verstehen, dass viele Gleichaltrige keinen Respekt vor Erwachsenen haben.

Karibische Reggae-Musik unterhielt das Publikum. Die größte Aufmerksamkeit erntete eine Breakdance-Gruppe, die sich aus deutschen und ausländischen jungen Männern und, in anderen Formationen völlig unmöglich, einem Mädchen zusammensetzte. Ihr Können stellten auch verschiedene Schülerbands unter Beweis, die zwischen den Wortbeiträgen spielten.

Bei allem Engagement der Vortragenden, die sich viele Gedanken zu dem Thema Toleranz und Gewalt gemacht hatten, hielt sich die Begeisterung zahlreicher Schüler für das Projekt in Grenzen. In Gruppen scherten sie aus der Versammlung aus, um durch die Fußgängerzone zu ziehen oder mitgebrachte Bierdosen aufzureißen und in der Sonne zu sitzen. Gewalt gegen Sachen meldeten Anlieger der Breiten Straße: Ungezählte zersplitterte Flaschen und leere Getränkedosen markierten den Weg der Jugendlichen durch die Innenstadt.

Michael Schröder/Thorsten Pifan, Peine

© Peiner Allgemeine Zeitung, 27. April 2001

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