"Viele verdanken ihm viel"

(Mai 2001) Ansprache von Superintendent Dr. Wolf-Dietrich Köhler bei der Trauerfeier für Werner Schrader am 11. Juli 2001 in der Peiner Jakobi-Kirche

Liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde!
Am Ende eines erfüllten Lebens nehmen wir heute Abschied von Werner Schrader. Mit der ihm eigenen Willenskraft und Lebensenergie ist er so lange als möglich angegangen gegen seine Krankheit, und hat bis zuletzt mit ganz viel Energie sich dem letztlich Unausweichlichen entgegengestemmt.

Viele hier verdanken ihm viel. Er selbst wußte darum, daß wir auch und gerade das, was wir können und zuwegebringen, nicht nur uns selbst verdanken, sondern dem Schöpfer und Erhalter unseres Daseins. Deswegen wollen wir heute nicht nur traurig an das denken, was wir durch sein Ableben verloren haben, sondern dankbar sein für das, was wir an ihm und durch ihn haben durften.

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Werner Schrader wurde geboren am 26. März 1927 in Hildesheim. Er wuchs auf in Stederdorf. Sein Vater, der Bankdirektor war, seine Mutter, die aus der Landwirtschaft kam, haben ihn nachhaltig geprägt. Den Hof übernahm, so wurde es entschieden, dann später doch der jüngere Bruder Reinhard. Von jetzt her und aus Sicht unserer Stadt Peine kann ich nur sagen: eine letztlich gute Entscheidung. Durch die Kriegsfolgen ließ sich sein Wunsch, Förster zu werden, nicht realisieren. Nach zweieinhalbjähriger Gefangenschaft trat Werner Schrader beruflich in die Fußstapfen seines Vaters und absolvierte - nach nachgeholtem Abitur, weil sein Notabitaur nicht anerkannt wurde - eine Banklehre; die Arbeit auf der Bank führte in auch an seine spätere Wirkungsstätte ins Bekleidungshaus Diekmann. Anders als geplant kam er früh in die Lage, das Geschäft übernehmen zu sollen. Er stellte sich dieser Herausforderung erfolgreich, fand in diesen bewegten Anfangsjahren seiner beruflichen Orientierung auch seine Frau Renate und gründete mit ihr zusammen eine Familie.

Man kann sein Leben - grob gerechnet - in drei 25-Jahres-Abschnitte einteilen: dem ersten Vierteljahrhundert folgten die Jahre, die im Wesentlichen durch den Aufbau des Geschäftes geprägt waren. Es waren auch die Jahre, in denen die beiden Töchter Elisabeth und Inge heranwuchsen. Erst als sie erwachsen waren, kam auch aus dann noch ganz anderen Gründen der Lebensabschnitt, der verstärkt durch die Übernahme öffentlicher Verantwortung geprägt war.

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Das letzten Jahrzehnt - das war auch die Zeit, in der dann ihr als seine Enkelkinder, an denen er sehr hing, zur Welt kamt; die Zeit, in denen das Verhältnis zu seinen Töchtern ganz neu an Tiefe und Akzeptanz gewann. Auch dieses, wie manches andere in seinem Leben, wurde hart errungen.

Nicht nur auf das eigene Wohl achten wollen, sondern auch auf das der anderen (Wochenspruch für den Monat Juli 2001: "Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen." > Philipper 2,4): davon war Werner Schraders Leben im hohen Maße geprägt. Fleiß und Sparsamkeit zeichneten ihn dabei aus. Dabei war es für die, für die er Verwantwortung übernahm oder an die er sie abgeben wollte, nicht immer einfach, daß er immer so präzise wußte, was gut und richtig war. Politisch blieb er im beharrlichen Verfolgen seiner Ziele stets fair; nicht zu Unrecht wurden in einem der Nachrufe sein sich Kleiden und seine Redegabe miteinander verglichen. Ich möchte dies in meinen Worten so sagen: beides stets korrekt, beides von hoher Qualität; beides sorgsam ausgewählt und stets optimal vorbereitet; und - gestatten sie mir eine kleine Nebenbemerkung: bei Kleidung und Redegabe nur ganz manchmal vielleicht des Guten auch ein ganz kleines bißchen zuviel - ich denke da nur an die schon bekannte Harzwanderung mit Anzug und Krawatte. Aber so war er, und es war schon beeindruckend zu erleben, wie er durch die Brillanz und Treffsicherheit seiner Rede eben immer auch die Wertschätzung seines Gegenübers zum Ausdruck brachte. Er nahm die Menschen, mit denen er zu tun hatte, ernst, - und darin können wir uns ihn zum Vorbild nehmen.

Was nun aber nicht heißen soll, daß sein Leben nur helle Seiten hatte und er in allem vorbildlich gelebt hat; über jeden, auch den denkbar besten Menschen ist immer auch etwas zu sagen, was er nicht geschafft hat, wo er hinter seinen eigenen Ansprüchen zurückgeblieben ist, wo Dinge anders gelaufen sind, Verhaltensweisen anders waren, als man ihm und sich gewünscht hätte.

Ein Lebenskonzept, das auch mit unseren Schwächen rechnet und unseren Stärken die richtige Richtung zeigt, wird in dem uns allen gut bekannten nächsten Lied deutlich, das wir nun gemeinsam singen wollen.

Jesu geh voran
1 Jesu, geh voran auf der Lebensbahn! Und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen; führ uns an der Hand bis ins Vaterland.
2 Soll's uns hart ergehn, laß uns feste stehn und auch in den schwersten Tagen niemals über Lasten klagen; denn durch Trübsal hier geht der Weg zu dir.
3 Rühret eigner Schmerz irgend unser Herz, kümmert uns ein fremdes Leiden, o so gib Geduld zu beiden; richte unsern Sinn auf das Ende hin.
4 Ordne unsern Gang, Jesu, lebenslang. Führst du uns durch rauhe Wege, gib uns auch die nöt'ge Pflege; tu uns nach dem Lauf deine Türe auf.

Jesu geh voran.
Geh voran als der, den wir nie erreichen werden. Geh voran als der, der anders als wir grenzenlos und vorbehaltlos lieben kann. Geh voran auch als der, der als einziger das Recht hat, später einmal über uns das Urteil zu sprechen. Geh voran als der, der uns auch in dunklen Tagen nahe ist, wenn das, was uns von anderen trennt, uns manchmal innerlich einsam sein läßt. Geh voran als das gute Beispiel für unseren Umgang miteinander, geh voran auch als der, der uns vergibt, wenn uns unsere Schuld drückt. Geh voran als der, dem selbst äußerste Qual und Leiden nicht erspart geblieben ist, geh voran für uns, die wir zurückbleiben, als der, im Vertrauen auf den wir schon vor dem Sterben, nicht aber vor dem Tod Angst zu haben brauchen.

Gott sei gedankt, der uns allezeit Sieg gibt in Christus - nicht abgesehen davon, nicht außerhalb dieses "Jesu geh voran" gibt es allezeit und in jedem Fall Sieg. Und auch am Donnerstag morgen, da mag es so ausgesehen haben, als habe Werner Schrader seinen monatelangen Kampf gegen seine Krebserkrankung verloren, aber: man kann das auch anders sehen. Gott sei gedankt, das nicht ein langes Siechtum ihn niederstreckte, gedankt auch dafür, daß er im Kampf gegen seine Krankheit bis zum Schluß er selbst geblieben ist und bleiben konnte, Gott sei gedankt - auch für das Ende der Qual am frühen Donnerstag morgen; so wie über einen anderen Peiner, Wilhelm Polstorff, in einem literarischen Nachruf gesagt wurde:

"So gingst auch du dahin, und ob wir auch dich schmerzlich missen werden und betrübt im tiefsten Herzen durch dein Scheiden sind: wir können, die wir leiden dich gesehen, doch sagen nur: gut war es, daß du gehen durftest, daß du erlöst bist von den Qualen jetzt, die du geduldig ohne Klage trugst."

So soll am Ende doch das stehen, was am Anfang stand: der Dank - und sei's auch unter Tränen.

Psalm 103,1-18
Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!
Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat:
der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,
der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
Lobe den HERRN, meine Seele.

Diesem Gott wollen wir Werner Schrader anvertrauen.

Zum Artikel über die Trauerfeier

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