Katholische Soziallehre – ganz praktisch

(November 2000) PEINE (wal) – „Der erste Ort des Glaubens ist die alltägliche Lebenswelt, erst dann kommt die Feier der Liturgie und erst dann das Wort der Verkündigung“: Pater Friedhelm Hengsbach, Jesuit und seit 1992 Leiter des Oswald von Nell-Breuning Institutes für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik an der Philosophisch-theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main, läßt keinen Zweifel daran, dass sich Kirche in der Gesellschaft beweisen muss – natürlich durch Worte, aber vor allem durch Taten. Vor diesem Hintergrund war der Sozialethiker nach eigenen Worten gern nach Peine gekommen, um gemeinsam mit Vertretern und Partnern von „Labora“ ein Jahrzehnt gemeinnützige Gesellschaft für Arbeit und berufliche Bildung zu begehen.

„Das, was Sie als Labora, als sozialer, als kirchlich geprägter Betrieb hier machen, zeigt, wie wichtig Arbeit als Schlüssel zur Persönlichkeit ist und wie Kirche dazu beitragen kann, dass eine gesellschaftliche Spaltung in Arbeitslose und Arbeitsplatzbesitzer ein Stück weit überwunden werden kann“, betont Hengsbach. Was Labora macht, beschreibt Geschäftsführer Reiner Kaste: „Ziel von Labora ist es, Arbeitslose zu qualifizieren, sozialpädagogisch zu begleiten und sie dauerhaft in das Arbeitsleben einzugliedern.“ An Labora beteiligt sind die Diözese Hildesheim, die Kirchengemeinde „Zu den Hl. Engeln“ in Peine, der Kolping-Diözesanverband und seit 1994 die Kirchengemeinde St. Christophorus in Wolfsburg.

Auslöser für das kirchliche Engagement war die Schließung der Ilseder Hütte Anfang der 80 er Jahre. Aus der gegründeten Arbeitslosen-Selbsthilfe-Gruppe der Gemeinde und ersten Erfahrungen mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) für junge Menschen, erwuchs die Idee, dass die Gemeinde Hl. Engel selbst Arbeitsplätze für so genannte schwer vermittelbare Menschen anbieten wollte. „Wir wollten unsere Verantwortung annehmen“, sagt Prälat Heinrich Günther, der Vorsitzende der Labora-Gesellschafterversammlung. Günther, heute Dechant in Wolfsburg, war damals Seelsorger in Peine.

Labora wendet sich an Menschen, die über ein Jahr arbeitslos sind oder schwere persönliche Probleme (beispielsweise durch Alkohol oder Schulden) haben, an Behinderte, an Jugendliche ohne Ausbildung und an Ausländer. Ihnen will die gemeinnützige Gesellschaft auf zwei Arten helfen, erläutert Geschäftsführer Kaste. Zum einen jungen Menschen über die Jugendwerkstätten in Peine und in Hildesheim, die von Labora getragen werden: Zur Zeit werden etwa 60 junge Menschen in unterschiedlichen Bereichen (Tischlerei, Maler, Fahrrad - oder Textilwerkstatt) betreut und beschäftigt. „Die jungen Leute sollen – handwerklich angeleitet und sozialpädagogisch begleitet – Arbeitserfahrungen sammeln, Kenntnisse erwerben und so zum Beispiel einen Ausbildungsplatz finden.“, beschreibt Kaste. Das zweite Standbein von Labora sind die Sozialen Betriebe und die Qualifizierungsmaßnahmen für erwachsene Arbeitslose. Hier betreibt Labora beispielsweise Möbel-Shops und eine Metallwerkstatt.

„Wir wollen die katholische Soziallehre eines Oswald von Nell-Breuning, der wir uns verpflichtet fühlen, unsetzen, ganz praktisch“, betont der stellvertretende Vorsitzende der Labora-Gesellschafterversammlung, Christoph Plett – das hieße Menschen Arbeit geben und ihnen in ihren schwierigen Lebenssituation zu helfen. Geschäftsführer Kaste betont, dass Labora keine Konkurrenz zu Handwerksbetrieben sei: „Wir wollen doch nicht auf der einen Seite Menschen in Arbeit bringen und auf der anderen Seite andere Menschen arbeitslos machen.“ Daher suche Labora ständig den Kontakt zu den Handwerksinnungen und versuche in „Marktnischen“ neue Arbeitsfelder zu finden – also dort, wo es sich für Handwerksbetriebe nicht lohnt, tätig zu werden. „Wir arbeiten mit Menschen, die auf dem freien Arbeitsmarkt keine Chance hätten, da kann doch nicht von Konkurrenz gesprochen werden“, betont Kaste.

Fast 1000 Menschen haben bisher über Labora eine Chance bekommen, überhaupt oder wieder beruflich Fuß zu fassen, um sich so wieder eine Lebenspers-pektive aufzubauen (zu den genauen Zahlen siehe Kasten). Etwas über die Hälfte ging nach Labora in Arbeit oder Ausbildung, über ein Drittel hat es jedoch nicht geschafft. Für Kaste ist das eine gute Bilanz: Die vielen Einzelschicksale, bei denen wir helfen konnten, zeigen wie wichtig unser christliches Engagement ist.“ Einen Wunsch hat Kaste aber noch: „Wir würden gern, stärker noch als bisher, für Kirchengemeinden tätig werden“, sagt er.

Labora in Zahlen:
  • 4 Gesellschafter tragen Labora: Die Diözese Hildesheim, der Kolping-Diözesanverband sowie die Kirchengemeinden Zu den Hl. Engeln in Peine und St. Christophorus in Wolfsburg.
  • 5 Möbel-Shops werden betrieben: in Peine, Hildesheim, Lehrte, Alfeld, Wolfsburg und in Schiffdorf bei Bremerhaven.
  • 2 Jugendwerkstätten befinden sich in der Trägerschaft von Labora: in Peine und in Hildesheim.
  • 153 Menschen arbeiten zur Zeit bei Labora, die meisten mit befristeten Verträgen und dem Ziel, persönliche Probleme zu überwinden sowie weitere Kenntnisse zu erwerben, um wieder beruflich Fuß zu fassen.
  • 840 Menschen haben bereits befristet bei Labora gearbeitet: 48 Prozent von ihnen gelang es einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz nach ihrer Labora-Zeit zu gewinnen, 4 Prozent gingen in weitere Fortbildungsmaßnahmen. 10 Prozent in Rente oder Familie, 38 Prozent wurden wieder arbeitslos.

© KIZ - Kirchenzeitung, 16. November 2000

zurück