Ansprache zum
Volkstrauertag
(November 2000) Ansprache von Superintendent Dr. Wolf-Dietrich Köhler zum Volkstrauertag am 19. November 2000 bei der zentralen Gedenkfeier des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Peine am Ehrenmal im Herzberg.
Jedes Jahr kommen wir hier am Volkstrauertag zusammen. Und das ist gut so, weil wir unsere Geschichte aufgeben würden, wenn wir es einmal nicht mehr für nötig befänden, diesen Tag zu begehen. Unser Blick ist dabei zugleich rückwärts und nach vorne gewandt. Wir gedenken der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, und lassen uns ermahnen zu Friede und Achtung der Würde des Menschen heute und morgen.
Die Millionen von Gräbern, so hat es Albert Schweitzer einmal gesagt, sind die großen Prediger des Friedens. Diese Predigt der Gräber wird verstärkt durch die Erinnerung an die vielen, die nicht einmal eine würdige Grabstätte gefunden haben.
Heute, das ist unsere feste Überzeugung als Deutsche zu Beginn des neuen Jahrtausends, ist Opfermut für den Frieden gefragt, nicht für den Krieg. Zivilcourage im Einsatz für die, die heute wegen ihrer Andersartigkeit, sei es die ihrer Hautfarbe, sei es die ihres Glaubens, verfolgt oder diskriminiert werden, ist ebenso eine Verpflichtung wie Wiedergutmachung im Rahmen des Möglichen. Neuen Anfängen zu wehren und die ewig Gestrigen an der Gestaltung des Heute und Morgen zu hindern, ist dabei eine wichtige Aufgabe.
Die Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft mahnen uns, Leid zu bezeugen und Schuld anzuerkennen. Auch die Kirchen haben in der Zeit des sogenannten Dritten Reiches zu sehr und zu lange geschwiegen, wo ein deutliches Wort gefordert gewesen wäre; Viele innerhalb und außerhalb der Kirchen, die sich den Mund nicht haben verbieten lassen, haben dafür mit ihrem Leben bezahlt. Damals wurden sie als Verbrecher behandelt, heute sind wir stolz auf sie und ihren Mut.
Am 9. November haben wir der Zerstörung der Peiner Synagoge und der Ermordung Hans Marburgers gedacht. Auch zwei Schulklassen waren im Rahmen ihres Geschichtsunterrichtes dabei. Es war ein schweigendes Gedenken, weil, so sagte es der Abgesandte der jüdischen Glaubensgemeinschaft, wir für das, was damals geschehen ist, keine angemessenen Worte finden können. Und es ist gut, gemeinsam darüber nachzudenken, ob diesem betroffenen Schweigen auch durch die äußere Gestaltung der Gedenkstätte am Ort der zerstörten Synagoge möglicherweise noch besser Rechnung getragen werden kann als bisher.
In all dem, in Erinnerung an das Grauen und in der Ermahnung zum Einsatz für Frieden und Verständigung heute dürfen wir eines nicht vergessen: mit Blick auf die Vergangenheit geschichtlich traurig nachweisbar wird der Mensch wohl auch in Zukunft immer an eine Grenze bei der Bemühung um Frieden stoßen, und diese Grenze ist er selbst. Es ist unrealistisch zu hoffen, daß nun endlich im 3. Jahrtausend unserer Zeitrechnung das möglich werden könnte, was schon so oft nicht gelungen ist. Die Ermahnung zum Frieden ist gerade deshalb so wichtig, weil die menschliche Existenz offensichtlich nicht nur von einer Sehnsucht nach Frieden, sondern mindestens ebenso stark von der Unfähigkeit, auf Dauer Frieden zu halten, geprägt ist. Frieden kann es nur werden, wenn wir die Gefahren, die dem Frieden drohen, realistisch wahrnehmen. Dazu gehört, daß der bewußte Einsatz für den Frieden und das Wachen über seine Erhaltung nie aufhören darf, weil Gleichgültigkeit dem, was im Menschen steckt, Tor und Tür öffnet. Vielleicht kann dabei nur der sich effektiv für Versöhnung und Frieden einsetzen, der auch für sich selbst als versöhnter Mensch lebt. Der Appell, Frieden zu halten, wird hohl, wenn wir dabei nicht mitbedenken, was uns dazu helfen kann, selber friedensfähig zu werden.
Im Wissen um die eigene Unvollkommenheit lassen wir uns heute mit Blick auf unsere Geschichte in die Pflicht nehmen für die Gestaltung der Gegenwart und Zukunft. Die schweigende Erinnerung an das Grauen von Gewaltherrschaft und Krieg unterstreicht die Verpflichtung dazu, aber sie ist auch abgesehen von dieser Verpflichtung wichtig und nötig. Daß unsere Schuld und unsere Trauer uns nicht erdrücken, sondern Kräfte freisetzen für heute und morgen, dazu helfe uns Gott.
Zum Artikel der Peiner Allgemeinen Zeitung
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