Lobgesang des Zacharias

(Dezember 2000) Im Wortlaut: Predigt von Pastorin Friederike Springhorn bei ihrer Einführung in Vöhrum am 1. Advent (3.12.2000); Predigttext: Lukas 1, 67-79

Nun schlagen wir unsere Gesangbücher wieder ganz vorne auf und singen die vertrauten alten Adventslieder. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit. Wie soll ich dich empfangen? Wie begegne ich dir? O aller Welt Verlangen, o meiner Seele Zier? Was wäre die Adventszeit ohne diese Lieder, die wir gemeinsam singen.

Vielleicht geht es ihnen auch so. Ich habe Lieblingslieder! Und mit einigen Liedern verbinden sich tiefe Erinnerungen, die bis in meine Kindheit zurück reichen. Erinnerungen, die die Vergangenheit plötzlich beim Singen lebendig werden lassen. Beglückende Erinnerungen, die auch traurig machen können, weil diese Zeit vergangen ist. Ich möchte keines dieser Lieder missen und ich singe sie immer wieder gern. Advent und gemeinsames Singen, der alten und der neuen Lieder, das gehört für mich zusammen.

Können sie sich vorstellen, dass hier unter uns plötzlich ein alter Mann aufsteht und anfängt zu singen mit brüchiger Stimme und mit einem Zauber, dass alle zuhören und staunen? Der heutige Predigttext ruft in Erinnerung, dass so etwas mitten in einem Gottesdienst passieren kann. Wir hören das Lied, das Zacharias sang im Haus Gottes, als sein Sohn Johannes beschnitten wurde, um in den Bund Gottes aufgenommen zu werden, heute am 1. Advent 2000.

Wie kommt ein alter Mann dazu, mitten in einem Gottesdienst ganz allein ein Lied zu singen? Welche Geschichte steckt dahinter?

Ein in die Jahre gekommenes Ehepaar

Es ist die Geschichte von Zacharias und Elisabeth. Einem in die Jahre gekommenen Ehepaar. Zacharias gehörte zu den vielen Priestern, die in regelmäßigen Abständen ihren Dienst im Tempel vollzogen. Er tat seinen Dienst treu und den Vorschriften entsprechend. Die Gebete, die Lesungen, die Riten immer gleich und nach einer festen Ordnung. Seine Frau Elisabeth war Gott ebenso treu wie ihr Mann. Doch in ihren Seelen bewegte sie lange Jahre ein tiefer Kummer. Sie hatten keine Kinder. Sie konnten das Leben nicht weitergeben an einen Sohn oder eine Tochter.

Mit der Zeit begrub Zacharias seinen Kummer tief in seiner Seele. Und so sprach er die alten, vertrauten Texte für die Gemeinde mit monotoner, hohler Stimme, so als gehe ihn das alles nichts mehr an. Auf diese Weise sprach er auch die Worte aus dem Buch des Jesaja: "Tröstet, tröstet mein Volk! Spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist. Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserem Gott. Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen, denn des Herrn Mund hat's geredet."

Aber tief in seinem Herzen fanden die Worte keinen Widerhall. Sie hatten für ihn keine Bedeutung mehr. Sie waren tot. Er hatte für sich mit ihnen abgeschlossen. Sie ließen schon lange keine Sehnsucht mehr aufsteigen - bis plötzlich der Engel des Herrn an ihn herantrat, während er seine priesterlichen Pflichten erfüllte, und sprach: "Fürchte dich nicht, Zacharias. Gott hat dich erhört. Deine Frau wird einen Sohn gebären. Johannes sollst du ihn nennen, und Freude wird sein in deinem Herzen." So sprach der Engel. Zacharias aber fragte: Woran erkenne ich das? Gibt es Beweise? Ist das Wunder verbürgt? Schau, Elisabeth und ich, sind alte Leute. Da konnte Zacharias kein Wort mehr sprechen. Er wurde stumm. Ja, er glaubte schon irgendwie an Gott, er war froh durch die Riten und Texte gehalten zu werden, das gab seinem Leben einen Inhalt, aber da war kein Widerhall, keine Sehnsucht für die Worte des Engels.

Was soll man davon halten?

Die Leute wunderten sich über seine plötzliche Stummheit. Nun konnte er den Dienst im Tempel nicht mehr ausüben. Und als dann offensichtlich wurde, dass Elisabeth schwanger war, wären sie der wunderlichen Sache am liebsten auf den Grund gegangen. Also nein, wirklich! Was soll man davon halten? Die beiden in ihrem Alter? Das ist doch unverantwortlich! Was soll nur daraus werden? Monate vergingen, in denen Elisabeth die Öffentlichkeit scheute und Zacharias weiter stumm blieb. Dann brachte Elisabeth ihren Sohn zur Welt, und als sie nach acht Tagen in den Tempel gingen, um ihn bescheiden zu lassen und in den Bund Gottes aufnehmen zu lassen, so wie es Sitte war, da erwarteten alle, dass das Kind nach seinem Vater oder seinen Großvätern genannt würde. Doch Elisabeth sagte: Nein, dieses Kind soll Johannes, Gott ist gnädig, heißen. "Aber keiner in eurer Familie heißt so." - "Das ist doch unüblich." - "Wider alle Sitten! Also, wirklich Elisabeth, treibt es nicht auf die Spitze." Und sie suchten Bestätigung bei Zacharias. "Zacharias, was sagst du dazu? Wie soll das Kind heißen?" Und Zacharias schrieb auf eine Tafel: Sein Name: Johannes!

Und da begann sich seine Zunge zu regen und er sprach und wurde ergriffen vom Heiligen Geist und sang, und sang dieses Lied. Da sprudelten die vertrauten Worte aus ihm hervor, die Worte, die er so oft dahin gesagt hatte, sie wurden plötzlich lebendig - wie das Kind auf seinem Arm, oder wurden lebendig durch das Kind auf seinem Arm? Oder er hielt das Kind auf seinem Arm, weil sich die alten Worte bewahrheitet hatten. Ach, das war jetzt gleich. Jetzt mußte er singen, mußte zum Klingen bringen, was in diesem Moment an Freude in ihm war. Er nahm die vertrauten alten Worte der Verheißung auf und verknüpfte sie mit seinem Leben und dem Lebens des Kindes. Hier und heute ist es auch für mich geschehen. Wahr geworden. Steht auf, kommt und seht wie freundlich der Herr ist. Und er hält das Kind Johannes hoch und strahlt. So als wäre das Licht schon über ihm aufgegangen und singt ein neues Lied. Du aber Kind, sollst "Prophet des Höchsten..."

Doch er singt nicht nur von seinem Sohn, von der völlig unerwarteten Erfüllung seines innigsten Wunsches, von der Freude seiner Familie über diesen Sproß an ihrem Stamm. All das schwingt mit, aber Zacharias singt mit dem Kind auf dem Arm von Gott. Ich habe dich nicht mehr erwartet, aber du hast mich besucht. Ich hatte meine Sehnsucht auf ein glückliches Leben begraben und von dir nichts mehr erhofft, aber du hast mich gerettet und das Leben wiedergebracht. Ich dachte, meine Treue sei vergeblich, nun weiß ich, du hast auch mir die Treue gehalten, wie du sie zuvor einer langen Kette von Menschen gehalten hast. Du hast dich meiner erbarmt und die Verhärtungen von mir genommen und mich befreit zum Leben. Dein Licht ist aufgegangen wie die Sonne am Himmel, es hat uns berührt. Nun soll es auch denen wieder leuchten, die in Dunkelheit sind und im Schatten des Todes und lenkt unsere Schritte auf den Weg des Friedens.

Die alten Verheißungen werden lebendig

Und auch wir hören, was da zu hören ist. Die alten Verheißungen so oft hervorgeholt und vorgelesen, zum Hören gebracht, werden plötzlich lebendig. Sie ereignen sich im Leben eines Menschen und stiften eine neue Zukunft. Zacharias erlebt hier: ein Gott, dem ich nichts mehr zutraute, ist mit mir und mit uns, und schenkt neues Leben. Und so steht er, der duldsam und still sitzen bleiben sollte seinem vorgerückten Alter entsprechend, auf - mitten im Gottesdienst,- er erhebt sich, erhebt seine Stimme und singt, singt ein neues Lied, indem er sein Glück mit Gottes Handeln in der Geschichte verbindet. Was hier geschieht, es geschieht für mich und für euch. Die Verheißungen der Vergangenheit leuchten auf in der Gegenwart und stiften Zukunft.

Wer würde heute wagen, ein solches Lied zu singen! Wer würde es sich nicht von Herzen wünschen?Zacharias schaut nicht mehr zurück, er, dessen Lebenszeit sich neigt, blickt nach vorn voller Freude und Erwartung.

Zu Beginn der Adventszeit stehen Zacharias und sein Lied. Wir hören, das Gott besucht, rettet, befreit, Vergebung schenkt; nicht allgemein, nicht nur als Worte der Vergangenheit, sondern mitten in einem Leben. Wo sehne ich mich nach Gott in meinem Leben? Wo sind da Wünsche verschüttet worden, entschwunden oder begraben? Wo traue ich Gott nichts mehr zu? Wo stelle ich Erwartungen an Gott? Wie erwarte ich ihn?

Wie erwarte ich Gott?

Zacharias erinnert uns daran, wir brauchen einen langen Atem. Das geschieht nicht einfach so. Die Worte Gottes hochhalten, sie wert schätzen, sie immer wieder sagen und so im Gedächtnis verankern, auch wir tun das Sonntag für Sonntag. In jedem Gottesdienst und überall, wo wir die heiligen Texte in unser Gedächtnis holen. Ich muß nicht jedes dieser Worte mit Leben füllen. Manches bleibt mir verborgen und spricht mich nicht an. Ich muß nicht hinter, aber zu diesen Worten stehen und getrost erwarten, das Gott für ihre Wahrheit eintreten wird, wie er immer dafür eingetreten ist. Mich entlastet das. Ich darf das Wort Gottes hochhalten, so daß wir es miteinander hören, um es zu kommunizieren, um es in unserem Gedächtnis zu verankern. Und immer wieder wird ein Teil davon lebendig, erstrahlt in einem neuen Glanz, leuchtet plötzlich auf mitten unter all den vielen anderen Worten, Sätzen und Geschichten.

Wir können das nicht machen und wir können es nicht festhalten, aber wir können immer wieder davon sagen und singen. Von der Sehnsucht der Menschen singen, sie aufnehmen auch in ganz neuen Worten und nicht zulassen, dass sie begraben wird, denn wir erwarten, dass Gott sein Licht auch in meinem Leben, in deinem Leben, in unserer Zeit aufleuchten lässt. Damit es auch denen leuchtet, die in der Dunkelheit sind und im Schatten des Todes und lenkt unsere Schritte, unser aller Schritte, auf den Weg des Friedens.

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