Klezmer und Klassik scheinen verliebt
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Foto: Christian Bierwagen |
(Januar 2002) Beinahe unbemerkt vom Publikum schweben die Töne wie schillernde Seifenblasen vor ihm her, zerplatzen im Geräusch scharrender Füße, Husten und Papierrascheln. Die Melodie ist zart wie Spinnfäden, wird eindringlicher, aber nicht lauter, eher stiller, rafft sich auf, schlängelt sich zwischen die Kirchenbänke von St. Jakobi und erstickt dort jede Störung. Giora Feidman, in den berühmtesten Konzertsälen der Welt gefeierter Klezmer-Musikant, haucht in seine Klarinette, sein Spiel gleicht einem zärtlichen Zwiegespräch mit dem Instrument.
Das Publikum ist zu Stille und Reglosigkeit verzaubert, bis Feidman auf der Empore bei seinem Partner Matthias Eisenberg eintrifft. Der Dresdener ist derzeit ebenfalls weltweit ein musikalisches Nonplusultra an der Kirchenorgel. Feidman stammt hingegen aus Argentinien, wohin seine jüdischen, aus Bessarabien stammenden Eltern ausgewandert sind. Giora wächst in der Klezmer-Tradition seiner Familie auf, erhält eine musikalische Ausbildung und beherrscht sowohl das klassische als auch das jüdisch-volksmusikalische Fach, den Klezmer.
Die Seifenblasen-Töne sind endgültig zerplatzt, Eisenberg bereitet bei "Kol nidrei" von Max Bruch zunächst einen Klangteppich für Maestro Feidman, in den dessen Töne sozusagen bis zu den Knöcheln einsinken. Dann aber werden Klarinette und Orgel zu gleichwertigen Partnern, schwingen sich auf, tänzeln, rennen, umarmen sich und trennen sich, um wie Hand in Hand miteinander zu harmonieren. Zwei Klangwelten entdecken hier musikalische Glücksmomente, Klezmer und Klassik scheinen verliebt. Übergänge sind fließend, Schuberts "Ave Maria" unerhört zärtlich interpretiert vom jüdischen Musikanten, geht unmerklich in Feidmans Klarinettensolo über, bei dem die Zuhörer verträumt mitsummen, bis - schlagartig "The Entertainer" von Scott Joplin hart und gejazzt alle aus der Verzückung in kollektives Füßewippen zuckt.
Eisenberg gibt der Orgel sozusagen die Sporen und tatsächlich ist es vom Joplinschen Jazz nur ein Hüpfer zu Bachs Toccata con fuga. Eisenberg fordert das Instrument erbarmungslos, sein Kopf verschwindet zwischen den Schultern, seine Finger rasen über die Klaviatur, er wiegt sich, zuckt. Bis Feidman eingreift und mit seinem "Prayer für Klarinette" wie zu einem Gebet die Zuhörergemeinde erneut zum Mitsummen bringt. Und endlich zum Schluss Klezmer, wie man ihn sich erträumt - und wie er auf der St.-Jakobi-Orgel noch nie gespielt wurde.
Feidman unterliegt dem Orgelvollgas mit der Klarinette nur knapp, winkt ab, während Eisenberg es fordert, als würde es für den nächsten Gottesdienst nicht mehr gebraucht. Das Publikum ist aus dem Häuschen, niemand sitzt mehr beim Schlussapplaus. Als Nachtisch des opulenten Klangmenüs gibt's leicht verdaulichen Mozart zum gedanklichen Mitpfeifen und während Feidman sein Publikum schon wieder zum Summen verleitet, schleicht er sich davon. Hoffentlich nicht zu lange...
Ulrich Jaschek, Kreis Peine
© Peiner Allgemeine Zeitung, 16. Januar 2002
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