Käßmann: "Christen müssen sich einmischen"
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Fotos (3): Lothar Veit |
Von Lothar Veit
(März 2002) PEINE. Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann ist bekannt für klare Positionen und deutliche Aussagen. Ihre Reden und Vorträge unterscheiden sich wohltuend von manch anderen abwägenden und somit eher unverbindlichen Verlautbarungen der Amtskirche. Diese Stärke stellte sie erneut am Freitag in der vollbesetzten Peiner St. Jakobi-Kirche unter Beweis. Ihr Thema: "Nachfolge".
"Ich wurde am Eingang gefragt, ob mein Thema etwas mit der Nachfolge von Superintendent Dr. Köhler zu tun habe. Auf die Idee wäre ich gar nicht gekommen", schmunzelte die Bischöfin zum Einstieg. Es ginge vielmehr um die Nachfolge Jesu Christi, die es nicht nur zu dessen Lebzeiten gegeben habe, sondern noch heute gibt. Nach einem kurzen kirchengschichtlichen Abriss, in dem die Namen berühmter "Nachfolger" wie Paulus oder Martin Luther auftauchten, widmete sich Käßmann dann aktuelleren Beispielen wie etwa Dietrich Bonhoeffer, dessen theologische Gedanken für das Oberhaupt der hannoverschen Landeskirche prägend gewesen seien.
Stark beeindruckt habe sie auch der südafrikanische Bischof Desmond Tutu. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie einen von Leid und Unterdrückung gebrochenen Mann erwartet, gab die Bischöfin unumwunden zu, damals noch im Auftrag des Ökumenischen Rates der Kirchen in aller Welt unterwegs. "Stattdessen erlebte ich einen quietschvergnügten Menschen, der nicht etwa an der Apartheidspolitik zerbochen war, sondern sich Sorgen um die Weißen machte, weil sie den Glauben an Christus noch nicht gefunden hätten".
Mit ähnlicher Bewunderung sprach Käßmann von einer Frau, die in Bosnien und Herzegowina versuchte, den im Krieg vergewaltigten Frauen Mut zu machen, die Kinder aus diesen Schandtaten dennoch zu bekommen und nicht abtreiben zu lassen. Selbst von ähnlichem Leid betroffen, warb die Frau aus ihrer tiefen Frömmigkeit heraus darum, die Kinder trotzdem als von Gott geschenktes Leben anzunehmen.
Nachfolge setze voraus, dass man selber Kraft und Festigkeit im Glauben finde. "Nur wenn wir selbst begeistert sind, können wir andere begeistern." Dazu gehört für Margot Käßmann immer wieder das Einmischen in aktuelle politische Themen. "Ich werde oft gebeten, mich um das Eigentliche zu kümmern und nicht Stellung zu Gentechnik oder Embryonenforschung zu nehmen." Doch man könne Glauben und "weltliche" Verantwortung nicht voneinander trennen.
Entsprechend klar äußerte sie sich zum Krieg in Afghanistan und in aller Welt "auch außerhalb der Bildschirme", der nach Gottes Willen nicht sein dürfe. Im Umgang mit Menschen islamischen Glaubens riet sie zwar zu Toleranz. "Das darf aber nicht zur Verleugnung unserer christlichen Überzeugungen führen". Religionsfreiheit heiße, dass diese auch den Christinnen und Christen in muslimischen Ländern gewährt werden müsse. Ein klare Absage erteilte die Bischöfin der verbrauchenden Embryonenforschung. Es dürfe nicht dazu kommen, dass eine Mutter ein behindertes Baby zur Welt bringe und sich hinterher vorwurfsvolle Fragen gefallen lassen müsse, ob das denn heutzutage noch nötig sei.
Mit einem Appell zu mutigerem Einmischen aus dem christlichen Glauben heraus endete die Bischöfin – und damit endete auch ihr zwölfstundiges Besuchsprogramm im Kirchenkreis Peine.
© Braunschweiger Zeitung/Peiner Nachrichten, 3. März 2002
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